Tchau

So um diesen Blog nun endgültig abzuschließen…

Vielen Dank an alle, die mir während meiner Zeit in Brasilien gefolgt sind, die mich unterstützt haben und mir über die ein oder andere Durststrecke geholfen haben.

Inzwischen sind auch vier neue Freiwillige in Óbidos und Juruti Velho angekommen, und ich möchte die Links zu deren Blogs mit euch teilen:

http://brazillife.writes.de/ ist die Adresse von Benedikt und Marius in Óbidos

http://jurutivelho.wordpress.com/ ist der Blog von Hannah und Felix in Juruti Velho

Ich verabschiede mich mit zwei Bildern:

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vlnr: Francely und Camila, in deren Haus in Terra Santa ich immer willkommen war und die mir das tanzen beigebracht haben, und Martina, deren Familie auch aus wunderbaren Menschen besteht die sich für die Prelazia (und jetzt Diocese de Óbidos) einsetzen.

Und unten: Garcia, mein bester Freund, der mir Capoeira beibrachte, mit dem ich brasilianische Musik kennenlernte, und der immer da war. Und David, mein Freund und Weggefährte in einem wundervollen Jahr in Brasilien. Danke für alles!

"As we roll along this way I am positive beyond doubt that everything will be taken care of for us" (Jack Kerouac) - Heimweg vom Refugium auf dem Lastwagen

„As we roll along this way I am positive beyond doubt that everything will be taken care of for us“ (Jack Kerouac) – Heimweg vom Refugium auf dem Lastwagen

Ich studiere inzwischen seit eineinhalb Jahren in Dublin am Trinity College Philosophie, Politik, Wirtschaft und Soziologie. Mit vielen Menschen in Óbidos halte ich immer noch Kontakt, und es war mir eine besondere Freude David und eine Delegation aus Brasilien bei der Gründung der Diözesanen Partnerschaft zwischen Óbidos und Würzburg Anfang Dezember in Deutschland zu treffen. Hier in Dublin habe ich inzwischen auch schon einige Brasilianische Freunde, und ich tanze immer noch fleißig Forró und Capoeira.

Das hier ist meine Capoeira Gruppe Mundo Capoeira Dublin, sozusagen eine zweite Familie für mich:

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Tja und das wars. Macht’s gut und bis bald!

Capénga

Capénga ontem teve aqui

Capénga ontem teve aqui

Deu dois mil réis ao papai

Deu três mil réis ao mamãe

Café e açúcar ao vovó

Dois vinténs para mim, só

Sim senhor, meu camarada

Quando eu entrar você entra

Quando eu sair você sai

Passar bem ou passar mal

Tudo no mundo é passar, camará

Água de beber

Iê, água de beber, camará

Iê, água pra lavar

Iê, água pra lavar, camará

Ferro de bater

Iê, ferro de bater, camará

São Bento

Minha fé em Deus é grande

Minha fé em Deus é grande

É grande como o universo

Na roda da capoeira,

A protecção a Deus eu peço.

Na corda do berimbau,

O meu nome eu vou falar.

Eu me chamo o passado

Do futuro bem presente

Viva a Deus lá nas alturas

Deu capoeira p’ra gente, camará

Iê viva meu Deus

Iê viva meu Deus, camará

Iê viva meu mestre

Iê viva meu mestre, camará

Iê quem me ensinou

Iê quem me ensinou, camará

Iê a capoeira

Iê a capoeira, camará

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4. Quartalsbericht meines Freiwilligendienstes 2010/2011 in Óbidos, Brasilien

Der Vollständigkeit halber folgt hier mein 4. Quartalsbericht, den ich leider vergaß online zu stellen.

Die letzten Monate meines Freiwilligendienstes in Óbidos hatten eine besondere Qualität. Da ich es endlich geschafft hatte, mich richtig einzuleben und freundschaftliche Beziehungen zu etablieren, sah ich dem Ende des Jahres mit Kummer entgegen, da ich wusste, dass ich all diese wundervollen Menschen schon bald auf unbestimmte Zeit verlassen musste. Doch gerade dieses Wissen um die zeitliche Einschränkung gaben den letzten Tagen, den zwischenmenschlichen Beziehungen, Reisen mit dem Boot, sogar dem wöchentlichen Fußballspielen eine besondere Bedeutung und Tiefe. Ich traf mich sehr oft mit meinen Freunden und beschloss unter anderem auch, noch einmal mit Padre José Paulo auf eine Bootsreise in verschiedene Städte der Diözese zu fahren. Diese Reise hat mich unglaublich beeindruckt, da sie mir einmal mehr die unglaubliche Schönheit Amazoniens, die offene und fröhliche Lebensweise der Menschen vor Augen führte. Ich glaube auch, dass ich in diesen letzten Tagen eine Erfahrung machen durfte, die ich in gewisser Weise auch kurz vor meiner Abreise nach Brasilien hatte: Im Wissen um die baldige Abreise begegnete ich meinen Mitmenschen und diese mir mit einer Ehrlichkeit und Wertschätzung die mich unglaublich beeindruckte.

Ich traf mich mit all den Menschen die ich während des Jahres kennen- und schätzengelernt hatte um mit ihnen die letzten Tage zu verbringen. Es waren Tage von großer Freude, aber natürlich auch Ungewissheit im Anbetracht der baldigen Abreise. Geholfen haben mir Gespräche mit Freunden dort vor Ort oder auch in Deutschland und Telefonate mit meinen Eltern. Auch das Wissen, dass dies nicht das letzte Mal sein musste, dass wir uns sahen, half mir. Ein besonderer Augenblick war, als Josielson, ein Arbeiter der Pastoral da Terra, der sich besonders in den sozialen Konflikten für die Menschen einsetzt und den ich sehr bewundere, zu mir sagte, ich könne immer zurückkommen um zusammen mit ihm zu arbeiten.

Der Freiwilligendienst insgesamt hat mir enorm für mein weiteres Leben geholfen. Die wunderbaren Erfahrungen, die ich in diesem Jahr machen durfte, das Wissen, das man, egal wo man hinkommt, immer auf Menschen treffen kann, mit denen man wertvolle Erfahrungen machen kann und Eindrücke von einer faszinierenden Umwelt, die gleichzeitig bedroht ist wie nie. Aber am prägendsten waren sicherlich persönliche Krisenzeiten, die mich viel zum Nachdenken brachten. Insbesondere half mir das Jahr, mich mit Themen wie Identität, „gesundem Egoismus“, interkulturelle Unterschiede oder auch Rolle von Entwicklungshilfe zu beschäftigen. Ebenfalls nehme ich Eindrücke über den Glauben der Menschen mit. Zeiten von Isolation, aber auch die Gewissheit der baldigen Ab- (oder Weiter-?) reise nach Deutschland und kurz darauf nach Irland halfen mir, aus mir herauszugehen, auf Menschen zuzugehen.

Ich würde die Wahl, einen Freiwilligendienst zu machen, auf jeden Fall wieder treffen, im Anbetracht dessen, was ich an Erfahrungen sammeln konnte und auch anderen Menschen durch meine Arbeit geben konnte. Ich würde mich allerdings genauer über die Arbeitsverhältnisse, in die ich kommen werde, informieren (existiert überhaupt ein Projekt?) und würde den Wunsch äußern, eventuell mit einer Familie oder zumindest lokalen Ordensgemeinschaft zusammenzuleben. Außerdem würde ich mich wahrscheinlich auf eine Einzelstelle bewerben, da dies viel mehr erfordern würde, sich von Anfang an voll zu integrieren und auch lästige Vergleiche, die einen das ganze Jahr über begleiten, vermeiden würde.

Ich hatte nicht viel Zeit zurück in Deutschland, da ich mich bald schon auf mein Studium in Irland vorbereiten musste. Ich habe mich viel mit Freunden getroffen und wieder einmal gemerkt, dass es nicht nur von Nachteil sein muss, zu wissen, dass auch dieser Abschnitt bald vorbei sein wird. Man nutzt seine Zeit viel bewusster, schätzt
jede Minute mit Freunden wert und erlebt alles intensiver. Die Sauberkeit und Ordnung in unserem Haus, unserem Stadtteil oder auch dem Einkaufszentrum fand ich plötzlich seltsam steril, und dem materiellen Überfluss begegnete ich mit einem neuen Blickwinkel.

Auch jetzt in meinem Studium begleiten mich die Erfahrungen meines Auslandsaufenthaltes weiter. Ich weiß jetzt, wie wichtig es ist, auf andere Menschen zuzugehen, an Beziehungen zu arbeiten. In gesellschaftspolitischen Diskussionen habe ich sicherlich eine neue Sicht der Dinge und kann dies mit gelerntem verbinden.

Vor einigen Tagen habe ich Padre José Paulo und Irma Deka aus Óbidos in Würzburg getroffen. Es war sehr schön, mich einmal wieder mit diesen beeindruckenden Menschen zu unterhalten, Grüße auszurichten und zu empfangen, oder auch, einfach nur mit ihnen einige Lieder auf portugiesisch zu singen. Mich auf diesem Treffen gleichzeitig auch aktiv einbringen zu können und somit zum gegenseitigen Verständnis beizutragen, fand ich sehr schön. Ich hoffe, auch in Zukunft einen Teil zum Gelingen der Diözesenpartnerschaft beitragen zu können und somit meinem Freiwilligendienst nicht eine Rolle als singuläres Ereignis, sondern als Beginn einer langen Erfahrung geben zu können.

Allen Menschen, die es mir ermöglicht haben, all dies zu erfahren, gilt mein ausdrücklicher Dank. Seien es die Mitarbeiter in Óbidos oder in Würzburg: durch sie habe ich einzigartige und wundervolle Erfahrungen machen können.

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Besuch Eltern – Curuá

Hier kommt der letzte Teil der Fotos zum Besuch meiner Eltern.

Nach ostern fuhren wir mit dem Barco nach Curuá, eine andere Stadt im Gebiet der Prelazia.  Die Hinreise war tagsüber, und es war sehr schön, die Natur und die Menschen an sich vorbeiziehen zu sehen.

Padre Dico, der Pfarrer von Curuá, war auf dem gleichen Schiff unterwegs wie wir

Und noch eine Mitreisende...

Fischer

In Curuá fuhr uns Frank, der dort in der Pfarrei arbeitet, mit dem Auto und dem Boot herum und zeigte uns die nähere Umgebung.

Casa de Farinha, das Haus, in dem die Familie aus Maniokwurzeln Maniokmehl macht.

Frank führt eine der Vorrichtungen vor, die mit Fahrradpedalen angetrieben wird

Frauen beim Schälen der Wurzel

Die Hühner machen sich über die Reste her

Hermann und das Boot

Victoria-Seerose

Ochsenrallye

In diesem Dorf werden wir schon erwartet...

Bevor...

...und nachdem Frank die Kinder hübsch in einer Reihe aufgestellt hat

Nach unserer Rückkehr an Land

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Besuch Eltern – Sâo Francisco

Natürlich fuhr ich auch bald mit meinen Eltern nach Sâo Francisco, der Stadtteil, in dem ich arbeite. Hier folgen einige Fotos von dort.

Die Kapelle Sâo Francisco

"Sâo Francisco, die perfekte Freude"

Die Vorbereitungen für die Via Sacra sind in vollem Gange

Jugendliche im Clíper, dem Versammlungsort der Gemeinde

Unter anderem besuchten wir die Schule Frei Edmundo, wo man uns zum Osterfest eingeladen hatte.

Kinderquatsch mit Hermann und David - Beim Besuch der Schule Frei Edmundo, Osterfest

Kinder des Bairro Sâo Francisco

Am Abend des Karfreitag wurde in Sâo Francisco die Via Sacra aufgeführt, ein Passionsspiel, in dem ich die Rolle des Pontius Pilatus spielen durfte. Die Via Sacra ist einer der zentralen Punkte im Gemeindeleben von Sâo Francisco, und es wurde auch dieses Jahr wieder viel Zeit und Arbeit investiert in Proben, Vorbereitung der Kostüme, Malen und Aufbau des Bühnenbildes und all die anderen Dinge, die vorher zu tun waren. Mich hat der Einsatz der Menschen sehr beeindruckt und ich empfand es als große Ehre und Freude, an diesem Spiel teilnehmen zu dürfen. Die Via Sacra bestand aus der Versuchung Jesu durch den Satan in der Wüste, dem letzten Abendmahl, dem Kreuzweg und schließlich der Auferstehung. Leider habe ich fast nur Bilder von vor und nach dem Spiel.

Die Kulisse "Gethsemane"

Kulisse "Versuchung"

Der Palast des Pilatus

Vor dem Kreuzweg ist Gottesdienst

Es wird dunkel. Das Publikum wartet gespannt

Die Frauen von Jerusalem

Es beginnt zu regnen

Abschlussfoto

Pontius Pilatus und seine Diener

Am Sonntagabend feierte die Gemeinde von Sâo Francisco ein „Louvor“, eine Lobfeier der Gemeinde ohne Priester. Die verschiedenen Teile der Gemeinde, Alte, Jugendliche und Kinder, präsentierten sich, es wurde gesungen, getanzt und geklatscht. Meine Eltern waren von der Lebendigkeit und Freude, die in dieser Feier zum Ausdruck kam, sehr beeindruckt.

Das T-Shirt der "Banda Assis", mit der wir einige Lieder aufführten

Ich begrüße Lino, der mich schon einige Male als Gitarrenlehrer vertreten hat

In absteigender Reihenfolge: Ich, meine Schülerin Daniele und ein anderes Mädchen aus dem Bairro

Letzte Vorbereitungen für den Auftritt

Jung und alt tanzen

Eine Gruppe tanzt zu einem Lied, das wir spielen

Capoeira

Auch Capoeira, zumindest der Versuch...

Die Bühne mit dem Banner der Band

Die Banda Assis

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Besuch Eltern – Alter do Châo & erste Eindrücke von Óbidos

Chronologisch durcheinander geht meine Berichterstattung weiter. An Ostern waren meine Eltern Egon und Christine zu Besuch hier in Óbidos. Insbesondere möchte ich mit euch einige der wunderschönen Fotos teilen, die mein Vater bei verschiedenen Anlässen gemacht hat. Ich hoffe, sie helfen euch, einen besseren Eindruck von der Region zu erlangen.

Ich fuhr am Freitag vor Palmsonntag mit der Lancha nach Santarém, um dort meine Eltern abzuholen. leider hatte ich Grippe und Fieber, trotzdem freute ich mich schon sehr auf ihren Besuch und die Möglichkeit, mit ihnen zumindest ein Stück meiner Erfahrungen hier am Amazonas zu teilen. In der Nacht von Freitag auf Samstag kamen sie planmäßig am Flughafen an und wir fuhren gemeinsam nach Alter do Châo. Dies ist ursprünglich ein kleines Fischerdorf am Rio Tapajós, dass sich mit der Zeit zu einem beliebten Ferienort entwickelt hat, da es dort einen der schönsten Süßwasserstrände der Welt gibt. Zwar befanden wir uns zu dieser Zeit schon in der Jahreszeit des steigenden Wassers, aber es gab immer noch Strandabschnitte, die nicht unter Wasser standen. Außerdem unternahmen wir eine Bootstour in den überfluteten Wald (Igapó) und gingen zur Palmsonntagsprozession, allerdings konnte ich nicht mit in den Gottesdienst, da es mir sehr schlecht ging. Meine Eltern waren sehr beeindruckt von den ersten Erfahrungen.

Igapó (Überfluteter Wald)

Jacaré-açu, eine Kaimanart

Maloca, Versammlungshaus der Indigenas, in einem verlassenen Dorf

Zwei Jungs beim Fischen

Strand des Alter do Châo

Sonnenuntergang

Am Sonntagnachmittag fuhren wir dann mit der Lancha nach Óbidos und ich zeigte ihnen in den folgenden Tagen ein wenig die Stadt.

Fischerboot

Ehemalige Kaserne, Praça da Cultura

 

Schlafsaal der Prelazia. Hier hängen Besucher ihre Hängematten auf, um zu schlafen

Überdachter Gang in der Prelazia

Igreja Sant'Ana von außen

Igreja Sant'Ana von innen

 

Am Flussufer

Carregador 14

Observando os brancos

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Kindergitarren

Seit längerer Zeit stand ich in Kontakt mit Beate Heß aus unserer Pfarrei Herz-Jesu, da die Kommunionkinder der Pfarreiengemeinschaft zum guten Hirten mit einer Spende meine Arbeit hier unterstützen wollten. Ich machte den Vorschlag, dass ich von einer Spende Kindergitarren kaufen könnte, und der Bischof erklärte sich bereit, das Geld vorzustrecken, damit ich die Gitarren schon früher erwerben und im Unterricht nutzen konnte. An Fronleichnam haben die Kinder das Geld meinem Vater überreicht, der es überwies, 222 Euro, genug Geld für 2 Kindergitarren und Saiten.

Für die Unterstützung bin ich und die Kinder des Projektes sehr dankbar, da die neuen Gitarren auch kleineren Kindern die Möglichkeit eröffnen, Gitarre spielen zu lernen. Ich habe den Kindern der Pfarreiengemeinschaft einen Dankesbrief geschrieben, den ich der Vollständigkeit halber auch hier einfügen werde.

Dankesbrief

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Unterwegs auf dem Amazonas

Abreise

Der Fluss fließt heute ruhig vor sich hin, es ist beinahe windstill. Im Schnellboot der Pfarrei fahren wir stromabwärts, in einen Nebenzweig mit dem Namen Paraná de Baixo, „unterer Paraná“. Gemeinsam mit Schwester Ivaldete begleite ich Padre Emanuel auf seiner dreitägigen Reise, auf der wir 7 Gemeinschaften entlang dieses Nebenarmes des Amazonas besuchen werden.

In der Regenzeit steigt das Wasser in dieser Region um 6 bis 10 Meter. Auf einem Gebiet mit einer mittleren Breite von 40 km stehen große Teile des Landes unter Wasser. Die Várzea, das Gebiet, das in der Trockenzeit fruchtbares Land und in der Regenzeit überflutet ist, ist karthographisch schwer zu erfassen, da man nie sagen kann, was „Land“ und was „Wasser“ ist, mit einem Wasserspiegel, der jedes Jahr unvorhersehbar ansteigt und fällt. Die Menschen machen deshalb ihre Entscheidungen, wann sie was pflanzen, wann sie ihre Kühe auf die Terra Firme, Land, das so hoch liegt, dass es nicht überschwemmt wird, oder auf hölzerne Plattformen auf Pfählen, sogenannte Morumbas, bringen, wann sie welchen Fisch mit welcher Technik fangen, nicht von bestimmten Daten abhängig, sondern der Rhythmus wird allein vom unregelmäßigen Steigen und Fallen des Flusses bestimmt. Dies erfordert von den Menschen ein hohes Maß an Flexibilität und an Kenntnis ihrer Umgebung.

Schwester Ivaldete

An uns zieht das Ufer des Flusses vorbei, der mächtige Wald, die einfachen Holzhütten auf Pfählen, von denen viele schon wie Inseln von Wasser umgeben sind. Kühe, die schon mit den Knöcheln im Wasser stehen, suchen nach Gras. Wir überholen ein Kanu, in dem zwei Männer mit wettergegerbten Gesichtern und großen Strohhüten unser Vorüberziehen beobachten. In ihrem kleinen Boot liegen ein Netz und einige Fische. Einer der beiden Fischer streckt den Daumen nach oben, der typische Gruß: Tudo bem? „Alles klar?“ Wir grüßen zurück. Aus der Gegenrichtung kommt uns ein großes Barco entgegen, eines der etlichen Passagierschiffe aus Holz, in denen Menschen mit ihrer Hängematte verreisen. Lady Lourdes, Santarem – Óbidos. Esse rio é minha rua – „dieser Fluss ist meine Straße“ heißt ein bekanntes Lied hier. In der Ferne ein anderes Schiff, ungleich größer. Es wirkt deplaziert in dieser idyllischen Umgebung. Ein riesiger Frachter aus Stahl, wahrscheinlich beladen mit Tonnen von Bauxit, das man zur Herstellung von Aluminium benötigt. Die Flagge ist die eines anderen Landes. Symbol der Zerstörung riesiger Waldgebiete im Tagebau, der Ausbeutung einer ganzen Region. Sie fahren den Fluß leer hinauf und kehren schwer beladen zurück, liegen tief im Wasser unter der Last ihrer Fracht.

Nach einer halben Stunde biegen wir links in einen kleineren Fluss ein und dringen ins weit verzweigte System der Nebenarme ein, Flüsse und Seen die einem nicht Ortskundigen wie ein unendliches Labyrinth vorkommen. Die Portugiesen hatten diese Region nie richtig unter Kontrolle, und entlaufene afrikanische und indianische Sklaven drangen mit ihren Kanus weit ins Landesinnere vor um dort ihre Flüchtlingsdörfer zu errichten, die teilweise bis heute bestehen. Wir passieren eine Gemeinschaft, die ich zur Zeit des niedrigen Wassers schon einmal besucht habe. Wir mussten damals den rutschigen, erdigen Hang am Ufer barfuß nach oben steigen um die Kapelle zu erreichen, über 5 Meter, und ich rutschte aus und fiel hin. Lachend erinnert mich der Pfarrer an diesen Tag. Heute ist vom Hang nichts zu sehen. Die Kapelle steht unter Wasser. An uns vorbei fährt in einem kleinen Barco ein alter Bekannter: Als wir das letzte mal hier waren, hat Padre Emanuel seine Hochzeit mit einer anderen Flussbewohnerin zelebriert, danach gab es ein Fest. Der Mann schaut eus einem Fenster heraus und grinst uns an. Dann streckt er lässig den Daumen nach oben um zu sagen: Tudo bem! Er transportiert Pferde auf die Terra Firme, die Weide steht unter Wasser und die Tiere finden kein Futter mehr und sind durch Stachelrochen und Piranhas bedroht.

Ein alter Bekannter

Die Kapelle der Gemeinde Nossa Senhora das Graças wird dieses Jahr wohl nicht überflutet werden. Eine dunkle Marke an der Außenwand der Kapelle markiert den Höchststand der Flut 2009. Viele Menschen mussten damals ihre Häuser verlassen und in der Stadt oder bei Verwandten das Ende der Flut abzuwarten. Der finanzielle Schaden vieler der armen Flussbewohner war enorm, und vielen konnte nur dank des Einsatzes der katholischen Caritas geholfen werden.

Der Steg vor der Kapelle

Der Steg vor der Kirche befindet sich nur knapp über der Wasseroberfläche, und wenn man über die dünnen Holzbretter läuft biegen sich die Bretter, sodass sich die Füße im Wasser befinden. Ich steige über den Bug des Bootes auf den Holzsteg um das Boot festzumachen. Wir werden schon von einigen festlich gekleideten Menschen und ihren Kindern erwartet. Am Steg sind schon einige Boote angebunden mit denen die Menschen aus der Nachbarschaft zum Gottesdienst gekommen sind. Heute ist das Fest der Heiligen, Nossa Senhora das Graças.

Beobachtet von den neugierigen Blicken der Kinder helfe ich dem Pfarrer, seine Sachen vom Boot in die Kapelle zu bringen und alles für den Gottesdienst vorzubereiten. Draußen werden plötzlich Feuerwerkskörper losgelassen und man hört Trommeln und Gesang. Wir treten nach draußen auf den Steg und werden Zeugen einer einzigartigen Szene: langsam nähert sich ein Boot, auf dem sich, abgesehen von einem kleinen Jungen, nur Frauen befinden. Sie tragen dunkle Hosen und hellblaue Oberteile und haben geschmückte Trommeln und die weiße und die rote Fahne der Volksmissionen, die jede Gemeinschaft besitzt. Der Gesang und die Rhythmen der Trommeln werden immer lauter, während das Boot auf den Steg zugleitet.

Mit einem feierlichen Lied zu Ehren der Heiligen landen sie und betreten über den Steg die Kapelle. Wir gehen, gemeinsam mit dem Rest der Gemeinde, nach innen, ich und die Schwester nehmen in einer Holzbank platz und Padre Emanuel geht nach vorn. Die Kapelle ist komplett aus Holz und sehr einfach gestaltet. Die Wände sind weiß, abgesehen von einigen Elementen die in einem ähnlichen Blau gestaltet sind wie die Oberteile der Frauen. An der Wand hinter dem Altar befindet sich ein kleiner Schrein mit einer Figur der Heiligen. Die meisten gehen Barfuß über den Dielenboden, einige tragen Flipflops. Als alle Platz genommen haben, stellen sich die Frauen in einer Formation vor dem Altar auf und tanzen, trommeln und singen noch ein Lied. Dann beginnt der Gottesdienst.

Der Gottesdienst ist von sehr lebendig gestaltet, bei den Liedern wird getrommelt, Gitarre gespielt, gesungen und geklatscht. Beim Glorialied gehen zwei Mädchen nach vorne und führen einen zuvor einstudierten Tanz auf

Zur Lesung wird das Evangelium von einer kleinen Gruppe in Kostümen tanzend nach vorn gebracht. Als Padre Emanuel es entgegennimmt und der Gemeinde entgegenstreckt, klatschen alle.

Zum Ende wird außerdem von Mädchen eine Statue der Patronin, deren Fest ja heute gefeiert wird, nach vorn getragen, ebenfalls in bunten Gewändern und mit Blumen.

Zum Schlusssegen bittet Padre Emanuel die Kinder nach vorne. Und wie ihr sehen könnt, ist das ein ordentlicher Haufen.

Zum Schlusssegen kommen die Kinder nach vorn

Nach dem Gottesdienst fahren die Familien wieder nach Hause, und wir verabschieden uns. Wir fahren zum Haus der Familie der Gemeindeleiterin, wo wir zu abend essen und übernachten werdem.

Blick zurück auf die Kapelle

Familie auf dem Nachhauseweg

Das Haus ist typisch für die Region, ein Mittelgroßes Holzhaus auf Pfählen. Im Haus leben das Ehepaar, die Mutter der Ehefrau, Kinder des Ehepaars und zwei weitere Verwandte, deren genaue Familiäre Beziehung zur Familie ich nicht kenne. Der Hund ist unruhig und rennt im Gang herum. Zu dieser Jahreszeit kann er das Haus nicht verlassen, da es ringsum mit Wasser umgeben ist. Sie sind typische Flussbewohner, dass heißt, zur Zeit des Niedrigwassers bauen sie Maniok, Reis, Bohnen und Gemüse an, außerdem züchten sie Hühner. Kühe oder Pferde können sich nur die reicheren leisten. Die Zeit des hohen Wassers ist die Zeit der Entbehrungen, man kann nichts mehr anbauen und lebt von den Vorräten, die man angesammelt hat, und von Fisch. Früher, erzählt der Vater, konnte man, je nach Geschmack, eine bestimmte Art von Fisch fangen. Heute wird das immer schwieriger, da die Leute jetzt vermehrt kommerziell fischen und die Bestände immer niedriger werden. Wir entspannen vor dem Haus in den Hängematten, die wir mitgebracht haben und an den Haken, die zu diesem Zweck überall an den Wänden befestigt sind, aufgehängt haben. Von der Veranda aus beobachten wir, wie einer seiner Söhne mit dem Kanu heimkommt, in dem sich ein weißer Plastiksack befindet. Im inneren zuckt es immer wieder, einige der Fische sind noch am Leben. Padre Emanuel ruft ihm zu: Oi, tudo bem meu filho? „Alles klar, mein Sohn? Was gibt es heute zum Abendessen?“ „Tudo bem! Ich habe Taumatá und Pacú gefangen!“ „Sehr gut. Dann schnell in die Küche damit, bevor wir hier verhungern!“

Als die Dämmerung hereinbricht, begeben wir uns ins Innere des Hauses. Alle Holzläden werden verschlossen, die Stunde der Carapaná, der Stechmücken, hat begonnen. Im Haus ist es jetzt stockfinster. Eines der Kinder stellt eine Kerze auf den Tisch, die einzige Beleuchtung. Elektrizität gibt es hier nicht, auch wenn einige Familien über eine Autobaterie oder sogar einen Generator verfügen. Abwechselnd beginnen nun der Vater und Padre Emanuel, Geschichten zu erzählen. Ich verstehe das meiste, auch wenn ich mir bei all den Bezeichnungen für Pflanzen, Orte und Tiere bisweilen schwer tue. Die Natur hier ist einfach zu vielfältig, um sie in 8 Monaten kennenzulernen. Einige der Kinder sitzen ebenfalls am Tisch und starren in die Kerze. Sie sind müde. Der Tag der Messe ist immer ein besonderer Tag, und viel musste vorher erledigt werden. Hier kommt nur 2 bis 3 Mal im Jahr ein Pfarrer vorbei. Die Mutter kommt aus der Küche und deckt den Tisch. Es gibt eine Schüssel mit Reis, eine Schüssel mit Farinha, Maniokmehl, eine Fischsuppe aus dem Pacú, ein flacher Fisch, der ähnlich wie die Piranha aussieht, und den gegrillten Taumatá, ein nicht gerade schön anzusehener Fisch in einer schwarzen Schale. Zu trinken gibt es Wasser. Die Leute holen es aus dem Fluss und lassen es durch eine Filterkonstruktion laufen. Es ist trübe, anfangs hat es mich etwas Überwindung gekostet es zu trinken. Padre Emanuel spricht den Segen und wir essen.

Nach dem Essen gehen wir schlafen. Es ist noch nicht sehr spät, aber ich bin totmüde, und die Dunkelheit im Haus und das einfache, aber gute Essen haben ihr übriges getan. Nach uns essen nun auch die Kinder. Wir gehen in einen Nebenraum und hängen unsere Hängematten auf. Morgen wird ein anstrengender Tag und wir werden früh aufstehen.

Das neue Organisationsteam der Gemeinde Nossa Senhora de Aparecida wird vorgestellt

Nach dem Gottesdienst geht es wieder nach Hause

 

Padre Emanuel bringt das Boot in Position

Ein Haus, in dem ein Heiler eine Mischung aus Geisterkult, Katholizismus und indianischer Heilkunde betreibt

Bei der Vorbereitung des Schlafplatzes

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